Roman: Rock mich!

»Rock mich« ist eine rasante Geschichte vom schnellen, bedenkenlosen Leben und von der brutalen Heftigkeit des Erwachsenwerdens. Antonia ist in Rocky verliebt seit sie denken kann. Rocky, den sie als Kind an die Teppichklopfstange gefesselt hat. Den coolen, unangepassten, leichtsinnigen Rocky mit dem wilden Lockenkopf, dessen Mutter einmal »Miss Elbe« war und der bald aus der Schule verschwindet, nicht wegen seiner Diebstähle und Pöbeleien, sondern um in der Großstadt Berlin der letzte Eisschnelllaufmeister der DDR zu werden.

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Pressestimmen:

»Die junge Autorin zieht den Leser ganz allmählich in den Abgrund der Geschichte hinein. Nicht leicht zu verdauen, aber dennoch lesenswert.« ekz-Informationsdienst, 2007

»Genau das macht das Buch und die Geschichte so faszinierend, da plätschert eine Liebesgeschichte still und freundlich vor sich hin, bis es knallt und alles kaputt geht, das aber richtig!« www.fritz.de, August 2007

»Die Autorin beschreibt eine Jugend in Wende- und Nachwende-Zeiten, die fragilen Zweckbündnisse unter ›Freunden‹, die Dissonanzen innerhalb einer Familie. Mitunter geht es drastisch zu, immer wieder gibt es Beischlafszenen, Antonia ist nicht gerade prüde.« Dresdner Neueste Nachrichten, 2007

 

Rocky,

immer wenn es taut, muss ich an dich denken. Ich erinnere mich zuerst an deinen Nacken. Auf den habe ich zwei Jahre länger gestarrt als du auf meinen. Ich, die Klassenbeste, saß ganz vorn und manchmal hast du gefurzt, damit ich mich zu dir umdrehe. Dann mussten wir die Plätze tauschen. du, der Klassenkasper, wurdest in die erste Reihe strafversetzt. Du hast mit dem Stuhl gekippelt und ich hab dir mit dem Kuli den Nacken gekrault. Im Winter froren die Flüsse ein und im April stritten sich die Mädchen darum, auf deiner Eisscholle dem Flusslauf zu folgen. Ich wollte auch zu dir auf die Scholle, aber ich hatte Angst, dass meine Brille ins Wasser fällt. Manchmal kamst du mit den anderen Jungs zum Fußball spielen auf meinen Hinterhof, der gehörte zu einer Trabantwerkstatt. Als der Fußball über die Garagendächer flog, bist du rüber geklettert und hast mir vom Komposthaufen der Nachbarn eine Tulpenzwiebel mitgebracht. Nach der achten Klasse bist du an eine Sportschule nach Berlin gewechselt und wurdest DDR-Meister im Eisschnelllaufen. Ich glaub den Zeitungsartikel hab ich noch. Dann kam die Wende und ich traf dich in einer Disko wieder. Es lief abwechselnd Ace of Bace und Roland Kaiser. Du hast mir einen Kuba Libre bestellt, obwohl ich eine Cola wollte. Wir schauten uns das Haus an, in dem ich früher gewohnt hatte. Der Hinterhof war frisch betoniert. Aus der Trabantwerkstatt war eine briefkastengelbe Renaultwerkstatt geworden. Zwischen den Baumstümpfen, die früher Birnenbäume und Fußballtorpfosten gewesen waren, küssten wir uns. Das ist fünfzehn Jahre her. Dieser Winter war besonders kalt und lang. Verdreckte Schneeklumpen tauen in den überfüllten Gullys endlich weg. Ich rieche Birnen wo noch keine sind. Vielleicht werde ich mich dieses Jahr auf eine Eisscholle wagen.

 

Leseprobe “Rock mich!”:

Im Winter sah ich zu wie Rocky das Schlittschuhlaufen lernte, immer schneller dahin glitt und immer waghalsigere Kunststückchen vorführte. Nie stürzte er so dass er sich verletzte. Im Gegensatz zu mir. Bei den ersten Gehversuchen auf Schlittschuhen bekam ich einen Eishockey-Puck ab und erwachte im Krankenhaus. Die Wunde auf meiner Stirn war mit sechs Stichen genäht worden.

Irgendwann im Frühjahr kam Rocky nicht mehr zur Schule. Die Lehrerin sagte uns, dass er jetzt in Berlin an einer Sportschule für Eisschnelllaufen war. Wir sollten ihm die Daumen drücken, damit er sich nicht so benahm wie hier und womöglich von der Schule flog. Ich drückte ihm nicht die Daumen, ich kreuzte Zeige- und Mittelfinger beider Hände und betete darum, Gott möge doch statt Rocky lieber meine Schwester nach Berlin schicken. Sie war sowieso kaum noch zuhause, und wenn sie da war, telefonierte sie. Meistens mit Maik in der Autowerkstatt. Ich teilte mir mit meiner Schwester ein Zimmer. Unsere Bereiche waren in der Mitte durch eine Reihe zusammengeschobener Schränke voneinander getrennt. Verena empfing nie Freunde in ihrer Zimmerhälfte, weil sie wusste, dass ich auf der anderen Seite lauschte oder Knutschgeräusche imitierte. Wenn sie telefonieren wollte, verkroch sie sich in ihren Kleiderschrank. Ich klopfte dann so lange an die Rückseite, bis ihr die Lust am Quatschen verging. Als ich älter wurde, nutzte ich die Momente, in denen sie im Schrank hockte, dazu, ihre heiß geliebte Beiretta, einen Fotoapparat, aus dem Geheimfach zu holen und den ganzen Film voll zu knipsen. Meistens mit Varianten meines Hinterns.

Gott erfüllte mir meinen Wunsch nur halb und dann auch noch ganz anders, denn er schickte meine Schwester nicht nach Berlin, sondern nach Bayern, und zwar über Budapest. Ich erwachte mitten in der Nacht davon, dass meine Mutter sich in Verenas knarzendem Bett herumwälzte und weinte. Dabei vergrub sie sich so tief in die Kissen und Decken, dass ich nicht wagte sie zu stören. Am nächsten Morgen drückte sie mir die Beiretta in die Hand und sagte mir, die könne ich jetzt behalten, Verena würde nicht mehr nach Hause kommen.

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In der Aprilausgabe 2018 des DRESDNER Kulturmagazins gibt es die Kurzgeschichte “Zentralverriegelung” zu lesen!

 

Leseprobe Zentralverriegelung:

Kai flüstert mir Worte ins Ohr, die mich weich und leicht machen, Worte, die so groß sind, dass sie nur unter freiem Himmel ausgesprochen werden können. Vorher waren wir zwei Stunden an den Elbwiesen unterwegs gewesen und hatten uns vorgegaukelt, dass es doch viel besser wäre, platonische Freunde zu sein. Kai mochte meinen Freund und ich Kais Freundin. Wir wollten niemanden verletzen. Der Kuss, mit dem wir das besiegeln wollten, dauerte nochmal zwei Stunden und widerlegte alles vorher Gesagte. Wir rückten dabei in den Schatten der Sträucher am Lingnerschloss und dann immer weiter in den von Spazierwegen durchzogenen Park. Aber wir blieben verantwortungsvolle Fremdgänger, kehrten noch vor Mitternacht um.

Als wir den Weg über den Parkplatz einer Hotelanlage abkürzen wollten, zögerten wir durch den Lichtkegel eines parkenden Autos zu laufen. Ein Mann und eine Frau saßen darin und rauchten. Im Dunkeln warteten wir ab, was sie wohl vorhatten. Bald flog eine Kippe aus dem Fenster und während der Mann das Licht ausschaltete und die Türen verriegelte, knöpfte die Frau ihre Bluse auf. „Die machen nicht so lange rum wie wir“, stellte Kai fest. Wir sahen zu, wie sie mit routinierten Bewegungen vögelten und verpassten auch nicht den schmerzhaften Moment, als der Mann mit den Knien am Sitz abrutschte.

Bei Regen oder Minusgraden gingen wir ins Kino. Dort war es warm und es gab immer noch genügend Licht fürs Wesentliche. Bei besserem Wetter trafen wir uns an einer geheimen Stelle hinter einem Wohnmobilstellplatz oberhalb des Königsufers. Von da aus hatte man einen guten Blick auf die Altstadt, die Elbe, die Brühlsche Terrasse. Und auf die Uhr am Rathausturm. Wir wollten nicht zu spät nach Hause kommen. Kais Freundin konnte schlecht allein sein. Schon seit Jahren nahm sie Medikamente gegen Angstzustände. Mein Freund wartete nicht auf mich, er saß am Krankenbett seines Vaters, der nach einem Schlaganfall im Wachkoma lag. Einmal hatte ich ihn dorthin begleitet. Ich dachte, er würde mit ihm reden, seine Hand halten. Stattdessen starrte er ihn nur an. So, als hoffte er etwas zu finden, was er bisher übersehen hatte. Er gab dabei ein eigenartiges Spiegelbild seines Vaters ab. Ich ging nie wieder mit. Aber ich wollte da sein, wenn er nach Hause kam. Das war das Einzige, was ich für ihn tun konnte. Nach dem Tod seines Vaters zog er zurück zu seiner Mutter und seinen jüngeren Geschwistern. Wir machten Schluss. Kai sagte ich davon nichts. Ich wollte nicht, dass er sich genötigt fühlte, seine Freundin zu verlassen, nur, weil ich plötzlich frei war. Wir waren es so gewohnt, uns nur im Schatten aufzuhalten, dass wir verlernt hatten, ans Licht zu gehen.

(…)